Ausstellung Galerie Kriens 2012

Die Vorstellung führt das Bild fort

Kunstbug. In der Galerie Kriens zeigt der 1960 in Chur geborene, heute in Sarnen lebende Künstler Charlie Lutz neue Arbeiten, die während und nach einem Berliner Atelieraufenthalt im letzten Jahr entstanden sind. Zwischen Zeichnung und Malerei, zwischen Figur und Abstraktion, zwischen Linie und Skulptur misst er die Grenzbereiche aus. Sein Ausgangspunkt ist die Linie, die er in einer Bodeninstallation im hintersten Raum der Galerie in verformte Acrylglasstücke hineinfräst und rot einfärbt. Reine Linienmuster werden sichtbar, die Ausschnitte aus grösseren Linienfeldern andeuten, daneben Fragmente von Körperformen.

Der menschliche Körper ist auch sichtbar Gegenstand in den Serien von Grafitzeichnungen auf Papier, die im Raum davor hängen. Charlie Lutz ergründet zeichnend den Übergang vom Nachbild zur frei bewegten Form, die eine Körperkontur aufscheinen, ein Körpervolumen plastisch aus der Fläche hervortreten lässt. Zeichnen, das wird hier ersichtlich, ist ein Vorgang, an dem neben der Naturnachahmung die Vorstellung, die vom Gegenstand weg- oder auf ihn hinführen kann, ihren Anteil hat: Sie setzt das Bild fort.

Rhythmen und Räume

In den Acrylmalereien tritt die Linie zurück, ohne dass der Künstler sie gänzlich beiseitelässt. Sie kann sich als Grenze aus einer gepinselten, mit Schaber oder Spachtel geschobenen Farbfläche ergeben, sie kann mit dem Pinsel oder einem Grafitstift in die Farbe hinein, über ihre Schichtungen hinweg gezogen sein. Sie will aber keine Form kenntlich machen, sie legt, nicht anders als die übereinander- und aneinandergelegten gemalten Farbschichten, Rhythmen und Räume fest, bestimmt die Tiefe oder Flächigkeit eines Bildes.

Was mit dem Raum im Bild passiert, wie sich ein Rot über Abstufungen von Grau verhält, ein Gelb, als Farbgrund auf die Leinwand aufgetragen, sich neben und durch die Schichten von Gegenfarben behauptet, danach fragt der Künstler. Nicht anders als die Zeichnungen, die mit Grafitstift oder Pinsel gezogen, mit Weiss oder Grau übermalt sind, das Verdeckte mitzeigen, aus Radierspuren das Vorherige erschliessen lassen, sind auch die Malereien von Charlie Lutz unerstarrte, fortwirkende Aufzeichnungen eines Suchens und Findens im Medium der Bildbefragung.

Dr. Urs Bugmann. Quelle: Neue Obwaldner Zeitung vom 26.03.2012

Ausstellung Galerie Kriens - grosser Raum Ausstellung Galerie Kriens - grosser Raum

Blick in Kabinett 1 Bilder aus dem grossen Raum

Kabinett 1

Gang Kabinett 2

Vernissage Galerie Kriens – 9. März 2012

Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Charlie

Ich heisse Sie, auch im Namen des Teams der Galerie Kriens, herzlich willkommen zu unserer heutigen Vernissage.

Im letzten Herbst verbrachte Charlie Lutz mehrere Monate in Berlin. Ihm war ein Stipendium im Innerschweizer Atelier verliehen worden. Und er nutzte diese Zeit: Er erkundete die pulsierende Grossstadt und setzte sich mit der Vielfalt des künstlerischen Schaffens auseinander, wie man sie in Berlin erfahren kann, in Begegnungen mit Kunstschaffenden, in Galerien, Museen und natürlich arbeitend im eigenen Atelier. Dabei ging es Charlie Lutz auch darum, den eigenen künstlerischen Ansatz, die eigene Position zu prüfen. Und er fand sich in seiner bisherigen Arbeit bestätigt und bestärkt. In der Folge entstanden viele neue Arbeiten. Fast alle Werke dieser Ausstellung sind in den vergangenen vier, fünf Monaten entstanden, Malereien, Zeichnungen und die Installation im dritten Raum.

Bei jenen beiden Arbeiten, Charlie Lutz im Berliner Atelier geschaffen hat, dieser hier und jener dort, mag zwar etwas von der Dynamik und Energie der Grossstadt zu spüren sein. Grundsätzlich gibt es aber wie gesagt keinen Bruch zwischen den neuen und älteren Arbeiten. Einzelne Zeichnungen wie die beiden im zweiten Raum sind vielleicht ungewohnt grossformatig und figurativ, oder die neuesten Malereien spürbar zeichnerischer als frühere. Das Selbstverständnis und die künstlerische Position von Charlie Lutz bleiben unverkennbar und konsequent.

Nach wie vor versteht sich Charlie Lutz in seinem Schaffen als eine Art Archäologe. Als Zeichner legt er Strich um Strich, Linie um Linie auf das weisse Blatt. Einzelnes wird beim genauen Lesen des Gezeichneten verworfen und getilgt, wobei verwischte Spuren sichtbar zurückbleiben. Auch als Maler setzt er sich der weissen Leinwand aus, er experimentiert mit Farbe und Pinsel, mit Graphitstift und Spachtel, er erkundet Farbstrukturen, Flächen und Formen. So fügt sich das eine zum anderen, so legt sich die zweite Schicht auf die erste, so überlagern sich Flächen und gestische Einschübe, dem archäologischen Suchen verwandt, obwohl in entgegen gesetzter Richtung fortschreitend. Charlie Lutz schichtet auf, wo der Archäologe abträgt und Charlie Lutz schafft Neues, noch nicht Bestehendes, im Prozess des Zeichnens und Malens Gewachsenes, er deutet Dinge, Figuren, Raumsituationen an, ohne sie endgültig festzulegen. Und schliesslich legt er die Werke vor uns aus, zum Schauen, zum Lesen und zum Verstehen. Das ist ein wesentlicher Teil seines künstlerischen Verständnisses, dass seine Arbeiten bezogen sind auf die Rezeption, auf das, was beim genauen Sehen und Betrachten entsteht, was aktiv wahrgenommen wird und individuelle Reaktionen auslösen kann.

So können wir etwa in einer Zeichnung im zweiten Raum Umrisse einer Figur entdecken, die für uns zu einer Person werden, mit der wir vielleicht eine Geschichte, ein Erlebnis verbinden. Und auch die Installation im dritten Raum wird vor unseren Augen zu leben beginnen. Charlie Lutz hat in der industriellen Produktion angefallene Reste von Acrylglas mit Fräse, Schleifmaschine und Acrylfarbe bearbeitet und die objekthaften Gegenstände so inszeniert, dass wir uns ihnen nicht entziehen können. Er verleiht dem harten Glas eine scheinbare Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit, die uns im Raum kaum bewegen lässt, aus Angst, etwas zu zerstören. Sind es feinste Objekte, die schon ein Lufthauch wegträgt, oder harte, gläserne Zeugen mit einer roten, gar blutigen Botschaft, oder sind es – wie es der Titel auf der Werkliste andeutet – Meereswogen, die am Strand der Nacht zerschellen, oder ist es etwas ganz anderes?

In seinen Werken legt Charlie Lutz immer Spuren. Diese Spuren auf- und wahrzunehmen, genau zu schauen und zu sehen, ihren Fortgang zu suchen, dazu lädt er uns Betrachtende ein. Der deutsche Lyriker Rainer Malkowski hat sich in manchen seiner Gedichte zu solchen Vorgängen, der Kunst zu begegnen, geäussert. An einer Stelle sagt Malkowski quasi als Vorbemerkung:

Nicht was ich nicht weiss,
reut mich,
Mich reut
der nachlässige Gebrauch
meiner Augen.

Und im Gedicht mit dem Titel „Zunehmendes Licht“ führt er aus, was uns Betrachtende diesen Arbeiten gegenüber zu begleiten und zu helfen vermag.

Zunehmendes Licht

Eben noch Nacht
die Bäume im Park
eine undeutliche Masse
nun hervortretend
als Pinie, Zeder,
Steineiche
später in einem Brief
werde ich schreiben,
ich war heute Zeuge
der täglichen Erschaffung
der Welt.

Rainer Malkowski bringt in seinem Gedicht etwas zum Ausdruck, das verwandt ist mit dem, was uns in der Begegnung mit den Arbeiten von Charlie Lutz passieren kann. Auch wir werden mit zunehmendem Licht, das heisst bei der bewussten Betrachtung dieser Bilder, die Erschaffung einer Welt erfahren können. Dann nämlich, wenn die eine Form oder Farbe, die eine Konstellation oder Struktur in uns etwas auslösen oder bewusst machen, eine eigene Empfindung, Erfahrung oder Geschichte, die plötzlich da ist, hervorgebracht durch eine Andeutung, ein Fragment oder ein Zeichen.

Und wenn Sie dann, sehr geehrte Damen und Herren, darüber eigentlich am liebsten mit dem Künstler ins Gespräch kommen möchten, kann ich Ihnen (auch in Charlies Namen) sagen, tun Sie es ruhig, er wünscht sich das auch. Und auch ich als Galerist wünsche es mir, weil ein solcher Austausch in dieser Ausstellung erfüllende Momente schafft und letztlich das künstlerische Werk in der Rezeption vollendet. Herzlichen Dank.

Roland Haltmeier

Spannende Begegnungen an der Vernissage.

Immer wieder überraschende Momente – Besuch aus dem Bündnerland.

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